Aktionsplan Wald

10-Punkte-Aktionsplan für einen gesunden und resilienten Wald in Thüringen angesichts der Klimakrise

Der Zustand unseres Waldes ist besorgniserregend. Die Klimakrise spitzt sich weiter zu und darunter leiden auch unsere Wälder. Je heißer die Sommer werden und je weniger es regnet, desto höher ist die Gefahr von Waldbränden. Auch Schädlinge können sich  extrem schnell ausbreiten und vernichten ganze Waldareale. Das Immunsystem unserer Wälder ist durch die Klimakrise dauerhaft geschwächt. Die Lage ist ernst und die Zeit drängt: eine neue, klimagerechte Waldpolitik und eine naturnahe Waldbewirtschaftung tut dringend Not.

Der Wald hat für uns viele Funktionen: Für uns alle ist er Erholungs- und Sehnsuchtsort. Im ländlichen Raum ist er aber auch ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Er ist aber auch ein wichtiger Naturraum und Ökosystem mit der höchsten Artenvielfalt in Europa.

An erster Stelle steht aber eines: Eine intakte Natur ist unsere Lebensgrundlage und der Wald unser wichtigster Klimaschützer! Ohne die Speicherung von Kohlenstoff in Wäldern und die Substitutionsleistung durch die Verwendung von Holzprodukten wären gegenwärtig die THG-Emissionen in Deutschland um mehr als 14 % höher als aktuell kalkuliert.

Ministerin, unterwegs in der Natur
Im August 2019 legte Umweltministerin Anja Siegesmund ihren Waldaktionsplan vor.

Laut Weltklimarat (IPCC) müssen für eine Begrenzung der Erderwärmung auf 1,5 Grad sowohl die klimaschädlichen THG-Emissionen begrenzt werden – etwa in den Bereichen Energie und Transport – als auch bis zum Jahr 2050 rund eine Milliarde Hektar Land neu mit Bäumen bepflanzt werden. Heute ist die Erde mit 5,5 Milliarden Hektar Wald bedeckt. Es wird deshalb Jahrzehnte dauern, bis diese Maßnahmen ihre volle Wirkung entfalten können. Daher braucht es parallel endlich einen Ausstieg aus dem fossilen Zeitalter und eine ehrliche Bepreisung von CO2-Emissionen.

Mehr als ein Drittel der Landesfläche Thüringens ist mit Wald bedeckt. Der Erhalt und die Entwicklung dieser einzigartigen Landschaft bedeutet eine große gemeinsame Kraftanstrengung. Das Gras wächst aber nicht schneller, wenn man daran zieht. Die Entscheidungen, die wir heute treffen, können vermutlich erst in Jahrzehnten ihre Wirkung vollumfänglich entfalten. Allein die Wiederaufforstung ist kein Allheilmittel und hilft angesichts der aktuellen Entwicklungsprognosen zur Klimaerwärmung keinen Meter weiter. Es geht auch nicht nur um forstwirtschaftliche, sondern auch um naturschutzfachliche und  wasserwirtschaftliche Fragen. Im Thüringer Klimagesetz und der Klimastrategie hat sich die Landesregierung zu einem ganzen Maßnahmenbündel für Klimaschutz und Klimaanpassung verständigt. Kurzfristig sind darüber hinaus jedoch mindestens die folgende 10 Maßnahmen umzusetzen:

  • Eine nachhaltige Wiederaufforstung der Waldschadensflächen wird nur mit einem klimastabilen Baumartenmix (insbesondere heimische Laubbaumarten) gelingen und muss - eigentumsübergreifend - durch den Bund finanziell unterstützt werden. Artenreiche Wälder mit verschiedenen Baumarten sind die beste Vorsorge gegen Schädlingsprobleme.

  • Der Waldumbau von Monokulturen (aktuell noch 57% Nadelholz beim Baumartenanteil) zu einem klimastabilen Mischwald liegt in unserem elementaren Eigeninteresse und ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, deren Bedeutung und Anerkennung jahrelang vernachlässigt wurde. Öffentliche Gelder für Waldbesitzer sind künftig daran zu koppeln, ob sie dieses Ziel verfolgen. Der Umbau von Monokulturen zu klimabeständigeren Mischwäldern mit Laubbäumen ist kostenintensiv. Daher müssen ausreichend öffentliche Mittel fließen, um Waldbesitzer für die nötige Überführung in stabile Wälder, deren Entwicklung und Gestaltung zu motivieren.

  • Die Urwälder von morgen sind in Thüringen auf 5 Prozent der Landesfläche gesichert und das wird auch so bleiben! Wir haben aus den schwierigen Debatten gelernt, dass wirtschaftliche Interessen bei jedem Hektar zählen. Der finanzielle Ausfall durch eine Nichtbewirtschaftung wird auf Landesebene durch das Thüringer Umweltministerium ausgeglichen. Ich fordere einen besser ausgestatteten Wildnisfonds auf Bundesebene, damit diese Flächen bundesweit gesichert werden können.

  • Klimaresiliente Wälder von morgen haben eine vielfältige Struktur: mit Bäumen unterschiedlicher Art und unterschiedlichen Alters und mit nur so viel Wild, dass Bäume ohne Schutzmaßnahmen vor Verbiss nachwachsen können. Die Ernte im Wald sollte so gestalten werden, dass der Boden keinen Schaden nimmt. Statt mit schwerem Gerät tiefe Furchen und festgedrückten Boden zu hinterlassen, sollen bevorzugt bodenschonende Verfahren eigesetzt werden. Auch die Festlegung des zulässigen Holzeinschlags anhand von ökologischen Kriterien ist dringend notwendig.

  • und stellen bei der erforderlichen Saatguternte und -aufbereitung zusätzlich, wenn nötig, eine bedarfsgerechte Einfuhr von Saatgut sicher. Trockenjahre wie 2018 können eine gute Blüte komplett ruinieren (Beispiel Weißtanne: kaum noch Altbestände vorhanden, also nur sehr wenige Erntemöglichkeiten, die Baumart blühte 2018 sehr stark, aber die Ernte 2018 war dann extrem schlecht).  Wenn wir hier nicht alle Möglichkeiten nutzen, die erforderlichen Erntemaßnahmen zu realisieren und zusätzlich bei Engpässen Saatgut einzukaufen, nehmen wir uns Chancen zum Waldumbau.

    Die landeseigene Baumschule ist notwendig, um eine schnelle Handlungsfähigkeit zu gewährleisten. Sie zu stärken und auszubauen ist ein notwendiger Schritt! Darüber hinaus ist die wissenschaftliche Forschung an den Thüringer Hochschulen zu Klimafolgen im Wald auszubauen.

    Das Forstliche Forschungs- und Kompetenzzentrum von Thüringenforst ist als langjährige Landeseinrichtung für angewandte, praxisorientierte Waldforschung mit nunmehr 30 Jahren Erfahrung zu Forschung in den Wäldern Thüringens, Versuchsflächen zu verschiedenen Baumarten, das im Haus angesiedelte Waldschutzmeldewesen, Kooperationen zu anderen Versuchsanstalten und Forschungseinrichtungen oder der Expertise zu Klimawandel und Anpassung im Wald zu stärken.

     

     

     

  • Staatswälder sollen nach FSC- oder Naturland-Richtlinien zertifiziert werden. Jede/r Käufer/in soll wissen, ob das Holz, das er kauft, aus nachhaltig bewirtschafteten Wäldern stammt. Wir brauchen daher anspruchsvolle Standards für die Holzkennzeichnung. Die öffentliche Hand muss Vorbild sein für den Kauf von gutem Holz.

    Die Vorbildwirkung der öffentlichen Hand kann 2023 in Oberhof deutlich zu Tage treten. In Oberhof wird die Biathlon-WM 2023 stattfinden. Dafür werden wieder erhebliche Um- und Ausbaumaßnahmen verbunden sein, auch mit Waldverlust. Eine wirklich nachhaltige WM muss das ausgleichen, umso mehr in einer Region im Wald und zwar mit Wald und mit Holz! Hier sollte das klare Ziel gesetzt werden, alle Funktionsbauten, alles was für die WM erforderlich ist, von den Tribünen und Banden, wann immer es möglich ist, alles mit Holz, eine wirklich nachhaltige WM - Thüringen als Aushängeschild.

  • Mischwälder mit einem hohen Anteil an Laubholz und tief wurzelnden Nadelbaumarten können wesentlich besser und effizienter die Niederschläge und verfügbares Bodenwasser nutzen, als Fichten- oder Kiefernreinbestände, daher können sie in begrenztem Umfang auch Trockenperioden besser überstehen. Die vorhandenen Wasserspeicher müssen erhalten werden, um jeden kostbaren Tropfen Wasser zu sichern.  Deshalb sollte der Einsatz schwerer Maschinen auf das Nötigste beschränkt werden und möglichst effektiv und bodenschonend erfolgen.

  • Daraus kann der Umbau zu klimastabilen Wäldern gefördert und in Notlagen wie bei Sturmschäden oder Borkenkäferkalamitäten geholfen werden. Aus ihm sollen Hilfen bei Notlagen z. B. nach Extremwetterereignissen bereitgestellt werden. Das Land Baden-Württemberg setzt einen solchen Fonds seit vielen Jahren erfolgreich ein.

  • Sie sind effektive Kohlenstoffspeicher und liefern einen immensen Beitrag zum Klimaschutz. Diese Maßnahmen müssen ausgebaut und intensiviert werden. Dazu bedarf es eines weiteren Landesprogramms.

  • Wissenschaft, Vereine, Verbände, alle forstwirtschaftlichen Akteure und Institutionen sollen sich dauerhaft mit Etappen der Umstellung auf eine naturnahe Waldbewirtschaftung befassen, sich dazu austauschen können und den Prozess begleiten.

    Stadtforste und Kommunen haben selbst eine hohe Verantwortung. Den Kommunen, die nach wie vor keine Baumschutzsatzungen haben, sei angesichts der Klimakrise dringend empfohlen, die Zukunft „ihres“ Stadtgrüns zu sichern. Bäume kühlen das Stadtklima und tragen damit in doppeltem Sinne zum Gemeinwohl bei.

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