Herdenschutz / Prävention

Die extensive Beweidung mit Nutztieren, wie z. B. Schafen, dient dem Erhalt wertvoller Biotope, die einer Vielzahl an Arten, darunter auch besonders geschützten oder gefährdeten Arten, einen Lebensraum bietet. Außerdem trägt die Weidetierhaltung zum Erhalt unserer charakteristischen Kulturlandschaften bei. Diese Form der naturverträglichen landwirtschaftlichen Flächenbewirtschaftung ist daher für den Erhalt der biologischen Vielfalt und für den Menschen wichtig.

Wie in anderen Ländern, in denen der Wolf nie ausgerottet wurde, gelingt die Koexistenz von Wolf und offener Weidetierhaltung, wenn Herdenschutzmaßnahmen frühzeitig, flächendeckend und konsequent umgesetzt werden. Dies ist wichtig, da Wölfe an unzureichend geschützten Nutztieren lernen können, dass diese im Vergleich zu Wildtieren eine einfache Beute darstellen. Um Weidetierhalter/innen an dieser Stelle zu unterstützen, werden in Thüringen Herdenschutzmaßnahmen gefördert. Zudem sind Ausgleichszahlungen bei Übergriffen durch Wolf / Luchs auf Grundlage der Richtlinie Wolf / Luchs möglich. Die Erfahrungen aus Deutschland sowie wissenschaftliche Erkenntnisse aus dem europäischen Ausland zeigen, dass weder die Größe der lokalen Wolfspopulation, noch die Anzahl an Weidetieren in einer Region, die Anzahl an Übergriffen durch den Wolf beeinflussen. Vielmehr ist die Wirkung der angewendeten Schutzmaßnahmen entscheidend.

Um Weidetiere vor Wolfsübergriffen zu schützen, existieren verschiedene Zauntypen und Schutzmaßnahmen, wobei sich Elektrozäune und der Einsatz von Herdenschutzhunden als effektive Maßnahmen erwiesen haben. In Einzelfällen kann zusätzlich eine Umstellung des Weidetiermanagements notwendig sein.

Der fachlichen Einschätzung zu den im Folgenden aufgeführten Maßnahmen liegen langjährige praktische Erfahrungen im Herdenschutz in den verschiedenen Bundesländern in Deutschland sowie im europäischen Ausland zugrunde.

Empfehlungen für Schaf- und Ziegenhalter/innen

„Optimaler Wolfsschutz“ gem. Richtlinie Wolf / Luchs für Thüringen

Folgende optimale Herdenschutzmaßnahmen werden aufgrund der Empfehlungen der Dokumentations- und Beratungsstelle des Bundes zum Thema Wolf (DBBW) nach der Richtlinie Wolf / Luchs in Thüringen zur Anwendung empfohlen und zu 100 Prozent gefördert:

  • Mind. 90 cm hoher, geschlossener, straff gespannter Netzgeflecht- / mehrdrähtiger Elektrozaun, der auf 1,20 m mit einem im Wind beweglichen, nicht-stromführenden Flatterband abschließt ODER
  • 120 cm hoher, geschlossener, straff gespannter Netzgeflecht- / mehrdrähtiger Elektrozaun ODER
  • Mind. 90 cm hoher, geschlossener, straff gespannter Netzgeflecht- / mehrdrähtiger Elektrozaun in Kombination mit Herdenschutzhunden
  • Netzgeflecht schließt mit dem Boden ab
  • Hütespannung mind. 2500 Volt (vorzugsweise deutlich mehr)
  • Weidezaungerät mit Ausgangsenergie von mind. 2,8 Joule

Die Etablierung des optimalen Wolfsschutzes wird ebenso finanziell gefördert, wie die Aufrüstung des bereits bestehenden Grundschutzes. Informationen zur Förderung von Präventionsmaßnahmen sowie der Entschädigung von durch Wolf / Luchs entstandenen Schäden an Nutztieren entnehmen Sie bitte der Richtlinie Wolf / Luchs.

Zauntypen / technische Schutzmaßnahmen

Elektrozäune

Stromführende Zäune stellen den effektivsten Zauntyp dar, da der Beutegreifer bei Berührung einen Schmerz erfährt, der abschreckend wirkt. Voraussetzung hierfür ist eine ausreichende Spannung von mind. 2500 Volt, vorzugsweise deutlich mehr, über die gesamte Zaunlänge hinweg. Diese kann nur durch eine gute Erdung erreicht werden.

Bei längeren Zäunen und bei Bewuchs ist auf eine ausreichende Impulsenergie zu achten.

Elektrozäune können in Form von mobilen Netzgeflechtzäunen oder als stromführende, mobile oder feste Litzenzäune eingesetzt werden. Bei Netzgeflechtzäunen muss auf Bodenschluss geachtet werden. Bei Litzenzäunen sollte die unterste Litze nicht höher als 20 cm über dem Boden liegen – dies kann bei Geländeunebenheiten durch den Einsatz zusätzlicher Pfähle erreicht werden.

Festzäune, nicht-elektrifiziert

Eine rein physische Barriere ohne abschreckende Wirkung stellen nicht-stromführende Festzäune aus z.B. Maschendraht, Knotengeflecht, Holz etc. dar. Da die Erfahrungen aus Deutschland zeigen, dass insbesondere nicht-elektrifizierte Zäune von Wölfen überwunden werden können, rät die DBBW vom Einsatz dieses Zauntyps ab. 

Bestehende Festzäune sollten daher mittels stromführender Litze aufgerüstet werden. Diese wird außen, in 15 cm Abstand zum Zaun und nicht höher als 20 cm über dem Boden, angebracht. Dadurch wird der Beutegreifer an einem Untergraben des Festzaunes gehindert. Bei der Verwendung eines solchen Untergrabeschutzes ist auf ein regelmäßiges Freischneiden der Litze zu achten, um Stromabfluss zu vermeiden. Untergrabeschutz in Form von Erdankern oder einer nach außen gelegten, in den Boden eingelassenen Zaunschürze ist ebenso möglich, im Vergleich aber weniger effektiv.

Flatterband (Breitbandlitze)

In der Regel vermeiden es Wölfe, Zäune zu überspringen oder zu überklettern, gleichwohl sie dazu körperlich imstande wäre. Sollte es Hinweise darauf geben, dass Zäune überwunden werden, ist der Einsatz von Flatterband notwendig: Dabei wird eine nicht-stromführende Breitbandlitze als zusätzliche optische Barriere ca. 30 cm über dem Zaun angebracht, so dass die Gesamthöhe des Zaunes mindestens 1,20 m beträgt.

Lappen

Der Einsatz von Lappen dient dem kurzfristigen Schutz von Weidetieren vor Wolfsübergriffen. Dabei werden an einer Schnur in einem Abstand von maximal 50 Zentimetern Stofflappen / Bänder befestigt, die bis zum Boden reichen bzw. nicht mehr als 20 cm über der Geländeoberfläche enden sollten. Durch die Bewegung der Lappen im Wind entsteht ein für Wölfe nicht einzuschätzendes Hindernis, das jedoch nur als Übergangslösung in Frage kommt, da die Schutzwirkung durch Gewöhnung im Laufe der Zeit nachlässt.

Kurz und Knapp – wichtige Punkte beim Einsatz von Elektrozäunen:

  • Lückenloser, gut gespannter Aufbau mit empfohlener Höhe auf der gesamten Koppellänge
  • Je nach Zaunsystem doppelt gestellte Pfosten an Zaunanfang sowie -ende nahezu bündig anliegend oder überlappend
  • Abstand der untersten Litze zum Boden auf der gesamten Zaunlänge ≤ 20 cm (speziell an Toren sowie Bodenwellen/ Fahrspuren überprüfen)
  • „Einsprunghilfen“ großzügig auszäunen (Abstand mind. 4 m) / einzäunen / entfernen (z.B. Erdwälle, Baumstubben, …)
  • Auf ausreichende Koppelgröße achten, damit die Tiere innerhalb der Umzäunung ausweichen können und bei Gefahr nicht ausbrechen
  • Komplette Zäunung, auch wasserseitig

Tägliche Kontrolle hinsichtlich Funktionstüchtigkeit (inkl. Spannungskontrolle)


Herdenschutzhunde (HSH)

Der Einsatz von Herdenschutzhunden ist eine der ältesten Methoden, um Vieh zu schützen und etabliert sich langsam wieder in Deutschland. Herdenschutzhunde werden hauptsächlich bei Schaf- und Ziegenherden eingesetzt. Sie können aber auch andere Tiere wie Rinder, Pferde oder Geflügel schützen. In Thüringen hat sich der Einsatz von Herdenschutzhunden im Wolfsterritorium Ohrdruf bewährt.

Im Gegensatz zu Hütehunden haben Herdenschutzhunde nicht die Aufgabe, eine Tierherde zu lenken. Stattdessen betrachten die Schutzhunde die Weidetiere als „ihre Familie“ und verteidigen sie gegen Bedrohungen von außen. Dies können Beutegreifer wie Wolf, Luchs oder wildernde Hunde sein, Personen, die in die Weide eindringen, aber auch Wildschweine oder andere Wildtiere, die Zäune überwinden oder diese beschädigen können. Dabei arbeiten Herdenschutzhunde unabhängig von menschlichen Weisungen.

Der Einsatz unter mitteleuropäischen Bedingungen stellt hohe Ansprüche an die Herdenschutzhunde, deren Auswahl, Sozialisation und Ausbildung. Die Hunde sollen einerseits ihre Herde wirksam gegen Beutegreifer schützen. Andererseits dürfen sie keine Gefahr für Unbeteiligte – wie z. B. Wanderer, spielende Kinder oder ReiterInnen – darstellen. Der Zaun muss von den Schutzhunden als absolute Grenze akzeptiert werden.

Aus diesen Gründen wird in der Leistungszucht nicht nur großer Wert auf Gesundheit und Wetterfestigkeit, sondern auch auf Wesen, Verhalten und Gesellschaftstauglichkeit der Herdenschutzhunde gelegt. Die Hunde wachsen von Geburt an mit den später zu schützenden Tieren auf und erfahren eine entsprechende Sozialisierung. Dabei werden sie zielgerichtet für ihre spätere Aufgabe ausgebildet. Ihre Eignung für den Einsatz oder die Zucht müssen die Hunde im Rahmen von entsprechend gestalteten Prüfungen beweisen. Dabei werden unter anderem die Gesellschaftstauglichkeit, das Verteidigungsverhalten, das Verhalten gegenüber den zu schützenden Tieren und innerhalb des Hundeteams - auch während und nach Bedrohungssituationen - bewertet.

Unter mitteleuropäischen und alpinen Bedingungen haben sich in der Praxis vor allem die Rassen Pyrenäenberghund und Maremmano Abruzzese bewährt, deren Anschaffung über die Richtlinie Wolf/Luchs zu 100% gefördert werden. Da entsprechende Kompetenz und Erfahrung in Erziehung, Umgang und Einsatz von Herdenschutzhunden unabdingbar ist, damit die Hunde ihre Aufgabe erfüllen können, ist der Nachweis entsprechender Schulungen der HalterInnen Voraussetzung für die Förderung. Soll zusätzlich zu erfahrenen und erwachsenen Herdenschutzhunden, ein jüngerer Hund angeschafft werden, muss die künftige Halterin bzw. der künftige Halter auch in der Ausbildung von Herdenschutzhunden geschult sein.

Der Einsatz der Herdenschutzhunde erfolgt hierzulande ausschließlich hinter geschlossenen Zäunen. Gemäß der Richtlinie Wolf/Luchs, muss es sich dabei um einen mindestens 90 cm hohen Elektrozaun (s. o.) handeln. Eine Schutzwirkung wird in der Regel bereits durch die Reviermarkierungen der Hunde, sowie deren Auftreten und Bellen bei Bedrohung erreicht. Bei der Verteidigung kooperieren die einzelnen Hunde miteinander und übernehmen als Team verschiedene Aufgaben. So bleiben oft einzelne Hunde in der Herde, während andere sich zwischen der Bedrohung und der Herde positionieren.

Eine effektive Verteidigung von Weidetieren gegen Beutegreifer können die Hunde nur als eingespieltes und harmonisches Team gewährleisten. Ein einzelner Herdenschutzhund stellt somit keinen optimalen Schutz dar. Aus diesem Grund sind auch bei kleinen Weidetiergruppen mindestens zwei, optimal drei, erwachsene und einsatzfähige Herdeschutzhunde einzusetzen.

Nach langer Abwesenheit der großen Beutegreifer und der Herdenschutzhunde muss der Einsatz von und Umgang mit diesen Hunden wieder erlernt werden. Sollten Sie - z. B. beim Wandern - auf eine von Herdenschutzhunden geschützte Tierherde treffen, werden die Schutzhunde Sie in der Regel am Zaun entlang begleiten und dabei laut und anhaltend bellen.

Locken Sie die Herdenschutzhunde nicht an, füttern Sie diese nicht und versuchen Sie auch keinesfalls die Hunde über den Zaun zu streicheln. Wenn Sie einen Hund mit sich führen, leinen Sie diesen an und führen ihn ruhig und mit Abstand an der Herde vorbei.

Empfehlungen für Rinder- und PferdehalterInnen

Rinder und Pferde sind im Vergleich zu Schafen und Ziegen wehrhafter und in einem funktionierenden Herdenverband einem geringeren Risiko vor Übergriffen ausgesetzt. Vor allem isoliert stehende Rinderkälber oder Fohlen und Kleinpferde sowie einzeln gehaltene Rinder oder Pferde, die – z. B. durch Anbindehaltung – nicht flüchten können, können gerissen werden. Jungtiere in Mutterkuhherden sind in Gebieten mit Wolfsrudeln einem erhöhten Risiko ausgesetzt, da sich das Kalb unter Umständen auf der Weide außerhalb des Herdenverbandes oder außerhalb der Weidefläche ablegt, während die Mutterkuh über die Weide zieht und grast.

Obwohl Übergriffe auf Rinder und Pferde sehr viel seltener stattfinden, als Übergriffe auf Schafe und Ziegen, empfiehlt es sich, die auf nationaler Ebene empfohlenen und im Folgenden aufgeführten Schutzmaßnahmen umzusetzen, um die Weidesicherheit zu erhöhen:

  1. Um zu vermeiden, dass sich Kälber außerhalb der der Weidefläche ablegen und um ein Eindringen von Beutegreifern zu vermeiden, empfiehlt es sich, die Tiere nicht nur mit einer, sondern mit mehreren stromführenden Litzen einzuzäunen. Dabei sollte sich die unterste Litze nicht mehr als 20 Zentimeter über dem Boden befinden
  2. Herden sollten nicht nur aus jungen Rindern oder Pferden bestehen – erwachsene und erfahrene Tiere sollten ebenfalls in der Herde sein.
  3. Insbesondere bei großen und unübersichtlichen Weideflächen empfiehlt es sich, trächtige Tiere in der Abkalbe- bzw. Fohlenzeit auf übersichtliche und optimal geschützte Flächen zu verbringen (s. Punkt 1).
  4. Kompakte, übersichtliche Weiden bieten einen besseren Schutz, als großflächige und unübersichtliche Weiden mit vielen Deckungsmöglichkeiten
  5. Nach Übergriffen empfiehlt es sich, die Tiere kurzzeitig einzustallen bzw. nachts zu pferchen

Im Zuge der Fortschreibung der Richtlinie Wolf / Luchs ist unter bestimmten Voraussetzungen auch die Förderung von Präventionsmaßnahmen für Rinder und Pferde in Thüringen möglich. Ansprechpartner ist das Thüringer Landesamt für Umwelt, Bergbau und Naturschutz (TLUBN). Die Kontaktdaten finden Sie auf den Seiten des Kompetenzzentrums Wolf, Biber, Luchs unter der Rubrik „Förderanträge“.

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